Wunderland

Nachtflug nach Lissabon

Flughafenromantik und die Holzklasse

Ich liebe sie einfach, diese Flughafenromantik. Tausende Menschen, die hier sind, um in alle Welt auszuschwärmen… Naja, wir sind am Flughafen Hahn, um also wenigstens noch bis zum Abheben auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben, beginnen wir besser so: Hunderte Menschen, die hier sind, um nach ganz Europa auszuschwärmen, die samt Rucksäcken mit viel Platz für Erinnerungen und Abenteuern, metallenen Aktenkoffern voll Arbeit oder mit alten, quadratisch-praktischen Familienkoffern voll Souvenirs und Mitbringseln umherschwirren.
Flughäfen sind äußerst ambivalente Orte verschiedenster Emotionen; Orte des Wiedersehens und des Abschieds, der Freude und der Trauer. Welten können hier zwischen der Bedeutung zweier heißer, inniger Umarmungen unter Tränen liegen, auch wenn tatsächlich die Distanz zwischen „Departure“ und „Arrival“ nur wenige hunderte Meter beträgt. Das können so nur Flughäfen. Das Leben schreibt eben die besten Geschichten, und zwar solche, die mir gerade in diesem Moment die Wartezeit verkürzen, während ich an meinem total überteuerten Kaffee nippe.
Aber das ist auch sowas: Ohne groß mit der Wimper zu zucken, legen wir am Flughafen 1,90 € für ein Tetrapack Wasser auf den Tresen, welches schmeckt, als hätte es den letzten Festivalsommer überlebt. By the way, findet nicht quasi um die Ecke jährlich die Nature One statt?… Über den Preis meines Kaffees hüllen wir wohl lieber den Mantel des Schweigens. Nun ja, Urlaubsgefühle, Endorphine, Spendierlaune – vergeblich suchen sie Ihresgleichen. Weniges ist ein effektiverer Dosenöffner für den Geldbeutel.
Antiproportional zu dem sich leerenden Portemonnaie steigt der Druck auf die Blase, und am Flughafen gestaltet sich selbst der Gang zum stillen Örtchen als äußerst interessant. Mehr oder minder große Literaten verspüren wohl neben dem einen dringenden Bedürfnis auch das andere, sich auf den Wänden der Flughafentoiletten zu verewigen. Diese Leute müssen wohl wahnsinnig Flugangst haben, und damit verbunden auch den Wunsch, in Anbetracht ihrer vermeintlichen Sterblichkeit ihrer Nachwelt noch ein paar weise Worte zu hinterlassen. Hier die Greatest Hits:

„Love ist he answer to your problem“ – Sehr geistreich.
„Ryanair – worst ever“ – Danke, das macht mir ja Mut.
„If it’s not good, it’s not the end“ – John Lennon, Oscar Wilde? So in etwa, aber immerhin wären das doch ein paar schöne letzte Worte, muss ich lobend anerkennen.

Und ehe man sich versieht, geht es dann auch schon weiter mit dem Boarding. Ich kann sie einfach nicht ablegen, diese Anspannung, die mich von hier an bis zu der sicheren Landung begleiten wird. Beim Emporsteigen der Stufen in den Flieger versuche ich mir hiervon natürlich nichts anmerken zu lassen. Ich weiß, dass diese Angst unbegründet ist, ist das Flugzeug schließlich eines der sichersten Transportmittel; aber Angst ist eben seltenst rational.
Ein freundlicher Steward (mein feministisches Herz schlägt höher, ein Steward!), der jeden Tag unzählige Flugmeilen sicher hinter sich bringt, sage ich mir selbst, weist mir meinen Platz zu – der belegt ist. Ich fasse es nicht. Bei Ryanair ist es einerseits Pflicht, vor Abflug online einzuchecken. Möchte man dies länger als 48 Stunden im Voraus tun, so ist lässt es sich andererseits nicht vermeiden, kostenpflichtig einen Sitzplatz zu reservieren. Verdammt, ich habe sogar noch dafür bezahlt, dass dieser spezielle Platz, der nun doppelt belegt ist, für mich reserviert wird. Holzklasse eben. Aber Glück im Unglück, der Flieger ist nicht ausgebucht und ich erhalte einen neuen Platz samt dem Traum eines jeden Reisenden: nicht nur einem, nein, zwei freien Nebenplätzen. Und auf geht es nach Lissabon, ready to take off.

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