Wunderland

Ein Märchen aus uralten Zeiten

Räumen wir mit dem Mythos Repräsentantentum auf!

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten… Tja, das wusste ich wirklich nicht, als ich 2015 für drei Jahre das Amt der Loreley, der Repräsentantin des Oberen Mittelrheintals, angetreten bin. Aber seitdem ist viel Wasser den Rhein heruntergeflossen, und ich bin mir der Bedeutung dieser Aufgabe etwas klarer.

Aber vielen Menschen ist sind sich nicht darüber bewusst, was Repräsentieren bedeutet. Denn wenn ich Personen treffe, und erstmalig berichte, dass ich drei Jahre lang als Loreley meine Heimat repräsentiert habe, dann schlagen mir immer wieder zwei Extreme entgegen. Option a) Begeisterung, echtes Interesse und Euphorie für diese Aufgabe oder Option b) „Achja, die Miss Loreley?“ Und in diesem einen Wort schwingt sie gleich mit – diese Welle an Vorureilen. Ich kann förmlich spüren, wie die betroffene Person innerlich – im besten Fall amüsiert – lächelt, manchmal auch äußerlich, und mir gerade in diesem Moment eine ganze Menge Eigenschaften zuschreibt, wobei ein hoher IQ eher nicht dazugehört, und diesen wohl zugleich auf wesentlich geringer schätzt, als er tatsächlich ist. Daher ist es mir ein Anliegen, mit einigen Vorurteilen gegenüber dem Repräsentant(innen)tum (ein Bereich, in dem tatsächlich die Frauen überrepräsentiert sind) aufräumen. Denn mich für das Amt als der Loreley zu bewerben, war eine der besten Entscheidungen meines Lebens und ich würde es immer wieder tun.

Nur dekoratives Beiwerk? – Kampf den Vorurteilen!

Drei Jahre lang durfte ich als Loreley meine Heimat repräsentieren. Drei Jahre mit Kleid, in glitzernden Pumps, mit ganz viel Nett-in-die-Kamera-Lächeln und daraus resultierenden schönen und weniger schönen (erstere sind aufgrund meines mangelnden Foto-Gens eine echte Rarität) Fotos. Glücklicherweise geht es bei dem Repräsentieren um viel mehr als Fotos, sonst hätte man mir wohl eher nicht den goldenen Kamm der Loreley überlassen. Drei Jahre, in denen ich ziemlich jedes Klischee, das du vielleicht bezüglich Repräsentantinnen hegst, erfüllt habe. Und blond war ich auch noch, denn das ist schließlich Grundvoraussetzung, um Loreley zu werden – ja geht es denn noch besser?

Ob ich denn nur eine nette Dekoration sei, war eine der ersten Fragen, die mir in meinem bis dato noch neuen Amt als Loreley seitens eines Reporters gestellt wurde. Damals hat diese Frage mich, zugegebenermaßen, verunsichert. Und wenn ich heute ehrlich reflektiere, dann hat sie mich aus dem einfachen Grund verunsichert, dass ich selbst noch mit meinem Selbstbild als Repräsentantin gehadert habe, dass ich Vorurteile, die mir gesellschaftlich mehr oder minder bewusst über Jahre hinweg anerzogen wurden, noch nicht gänzlich abgelegt hatte. Heute, erkenne ich  dies und habe mich entschieden, Vorurteilen im Allgemeinen, und einigen ausgewählten insbesondere, den Kampf anzusagen.

Von meiner Aufgabe, meine geliebte Heimat vertreten zu dürfen, und vor allem ein Versprechen an meine Großmutter einzulösen – dafür habe ich von Anfang an gebrannt. Von vielem, was „Beigabe“ zu dem Amt war, zunächst weniger: Nämlich das Abendkleid unter vielen Anzügen zu sein, entsprechend aufzufallen, und vor allem von ganz vielen Fotos, auf denen ich für die nächsten drei Jahre abgelichtet werden würde. Etwas, das ich in Kauf genommen habe, um diese Aufgabe wahrnehmen zu können. Dieser Teil Amtes ist jedoch der öffentlichkeitswirksamere, der schlussendlich das Bild des Repräsentantentums prägt. Schlussendlich setzt sich folgende Assoziation in den Köpfen vieler Menschen fest: Junge Frauen (Repräsentanten sind zumeist Repräsentantinnen), die (nur) nett aussehen und zumeist ein sehr weibliches Kostüm tragen. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille, nur ein Bruchteil der eigentlichen Aufgabe. Was also steckt hinter diesem Vorurteil des „dekorativen Beiwerks“?

1.   Bilder sagen mehr als Worte

Die Zahlen sprechen für sich, prozentual gesehen machen junge Frauen den größten Anteil des Repräsentantentums aus (spreche ich im Folgeneden von Repräsentantinnen, so sind immer auch die männlichen Repräsentanten gemeint). Diese jungen Frauen werden auch regelmäßig in ihren Amtsbekleidungen abgelichtet. Und dieses Foto, auf dem sie nett in ihrem Kleid in die Kamera lächelt, erreicht dann Hunderte von Menschen, oder – social media sei Dank – sogar tausende. Und das soll ja auch genau so sein, denn repräsentieren ist werben für eine Region oder eine Marke, und das funktioniert eben auch über Bilder – aber nur zum Teil. Es funktioniert ebenso über Sprache: über Interviews, über Grußworte; bei Geschäftsessen, bei Weinproben, und und und.

Doch vergleiche ich den Anteil der Personen, die Fotos von mir gesehen haben, mit dem Anteil derer, die meine Reden gehört haben, so überwiegt ganz klar ersterer. Ich hätte also noch so kluge Dinge sagen können, sie hätten nie so viele Menschen erreicht wie das Foto von mir auf dem Loreleyfelsen in Kleid und mit goldenem Kamm. Und was hängen bleibt ist ein Bild, das in diesem Fall wirklich mehr sagt als tausend Worte. Bilder von Dirndln und funkelnden Kleidern, die es in den Augen derer, die die Aufgabe des Repräsentierens auf die eben beschriebene eine Seite der Medaille reduzieren, wohl ausschließen, dass sich unter den gekrönten Häuptern oftmals ein wacher Geist verbirgt. Dazu ist nur zu sagen, dass ein nicht unbeachtlicher Anteil der Trägerinnen dieser Kronen an der Hochschule Geisenheim Weinbau studiert. Es handelt sich um echte Weinfachfrauen, die professionell durch Weinproben geleiten. Frauen, die die Wissenschaft hinter dem edlen Getränk verstehen und diese auf eine charmante und erfrischend leichte Art zugänglich machen. Repräsentantinnen bewegen sich teils auf internationalem Paket (die weiteste Reise der Loreley führt nach Südkorea), beherrschen verschiedene Sprachen (Grußworte auf Englisch und Französisch habe auch ich schon gehalten, Japanisch ist wohl schiefgegangen) und verfügen nicht selten über diplomatische Grundgeschicke. Und daran rüttelt weder ein Dirndl, noch ein funkelndes Kleid oder eine Krone.

Ich möchte gar nicht verallgemeinern und sagen, dass die beschriebenen Eigenschaften auf jede Repräsentantin zutreffen, sondern gerade dazu aufrufen, sich klarzumachen, dass individuelle Menschen hinter diesen Ämtern stecken, die in eine Rolle schlüpfen, und dass man sich nicht von einem äußeren Schein (niemals) täuschen lassen sollte.

2.   Öffentlichkeitswirksames Auftreten – Kleider machen Leute

Womit wir direkt zum nächsten Punkt kommen: Natürlich sind die meisten Repräsentantinnen vor ihren Auftritten hübsch zurechtgemacht; Haare und Make Up sitzen, die Amtskleidung ist ohnehin ein anderes Kaliber. Aber: Das Amt ist eben eine Rolle, für die es nun einmal einen Dress-Code gibt. Kein Mensch rümpft die Nase, über einen Schornsteinfeger in seiner schwarzen Kluft, oder eine Richterin in Robe, aber Sie glauben nicht, was für eine heftige Diskussion eine Weinkönigin in einem Dirndl auslösen kann.

Traditionell war und ist das Dirndl aber eben vielerorts die Amtskleidung der Weinköniginnen. Und die Loreley trägt seit jeher ein langes, funkelndes Kleid in Blau- und Grüntönen, den Farben des Rheins; Hosenanzug und Businesskleid haben grundsätzlich das Nachsehen, auch wenn sie langsam Einzug in die Kleiderschränke der Repräsentantinnen halten (siehe Gebietsweinköniginnen und die Deutschen Weinmajestäten). Privat gebe ich auch Anzugshose und Bluse den Vortritt vor einem bodenlangen Kleid, allein aufgrund der Bewegungsfreiheit. Wer nicht? Ich meine, fragen Sie mal eine Weinkönigin, wie sie sich im Dirndl inmitten von lauter Anzügen fühlt. Aber es handelt sich hier eben um nichts anderes als ein Kostüm der dazugehörigen Rolle, es ist nicht mehr und weniger als Arbeits-Bekleidung. Daher sollten hieraus keine Rückschlüsse auf die Seriosität der Person geschlossen werden. Daher sollte die Person nicht als dekoratives Objekt abgestempelt werden. Denn eigentlich könnte man Krönchen, Kleidchen und sämtlichen diminutiven Schmuck der Repräsentantinnen auch sehr wohl als feministischen Akt werten:

3.   Weshalb eine Krone auch Ausdruck des Feminismus sein kann

Denn was ist letztlich Ziel des Feminismus? Doch nichts anderes als die aabsolute Gleichberechtigung und damit einhergehend auch gleiche Freiheiten. Wenn ich also gerne Kleider anziehe, wenn ich gerne Pumps trage, ein Fan von Lippenstift und Mode bin, dann mag ein missverstandener Feminismus dies als großen emanzipatorischen Rückschritt sehen. Doch für mich liegt gerade in meiner Selbstbestimmtheit die größte Waffe im Kampf für den Feminismus.

Aber haben wir nicht eben festgestellt, dass die Amtskleidung der Repräsentantinnen vorgegeben ist und demnach nichts mit freier Entscheidung zu tun hat? Ja, aber auch hier muss ich wieder relativieren. Amtskleidung ist Tradition, über Generationen vererbter Habitus – der jedoch nicht in Stein gemeißelt ist. Auch diese Tradition wird aufgebrochen; erste Dirndl gegen Etuikleider getauscht. Denn keine Weinkönigin würde aus ihrem Amt vorzeitig entlassen, nur weil sie darauf besteht, ihre Garderobe frei zu wählen (Wobei Krone und Kamm wohl indisponibel sind). So trägt ie aktuelle Loreley beispielsweise ebenfalls ein bodenlanges Kleid, aber Sneaker anstelle von Pumps, weil sie dies so wollte. Und genau dies ist der Punkt – Stichwort Selbstbestimmtheit. Ich habe mich damals für Pumps entschieden, weil ich diese auch privat trage, und ein langes Kleid, weil es in meinen Augen die Figur der Loreley am besten verkörpert und mir jedes Mal das Herz aufging, wenn ein strahlendes Kind meinte, so habe es sich die Loreley vorgestellt. (Genau deshalb war ich so gerne Loreley, weil icht so leicht anderen eine Freude machen konnte.)

Entscheidet sich also eine Repräsentantin für die – nennen wir es traditionelle – Amtskleidung, so tut dies ihrer Emanzipation sicherlich keinen Abbruch. Sollten jemand anderer Meinung sein, so teilt sie oder er gerade implizit mit, dass eine wirklich emanzipierte Frau dieses oder jenes, nämlich traditionelle Amtskleidung tragen, nicht tun würde – klingt ganz schön nach Bevormundung, und diese verträgt sich in der Regel nicht so gut mit Selbstbestimmtheit, oder?

Ich denke, dass eine selbstbestimmte Frau gerade das tut, was sie will, und nicht zwangsläufig das, was von ihr erwartet wird (wobei dies in manchen Fällen deckungsgleich sein kann). Also eben auch Kleid, Krone und Pumps tragen, wenn sie es denn will.

Fazit

Aus all diesen Gründen appelliere ich, das Repräsentantentum differenzierter zu betrachten. Ich bin ein großer Fan dieser Tradition, unabhängig davon, dass ich selbst einmal Teil von ihr war. Ich bin der Ansicht, dass eine Weinkönigin oder auch ein Bacchus einer Weinprobe einen ganz besonderen Flair verleiht, dass ein Elslein von Kaub eine wunderschöne, alte Geschichte greifbar macht. Dass Repräsentanten insgesamt von den lokalen Festen nur schwer wegzudenken sind, und dass diese ohne Repräsentanten einfach weniger glanzvoll wären.

Die Personen, die diese Ehrenämter (!) ausführen, tun dies aus wohl größtenteils aus Heimatliebe, aus Optimismus. Denn, wie bei einem Ehrenamt üblich, nimmt Repräsentieren viel Zeit in Anspruch, kostet Geld und bringt nicht selten mehr Kritik als Lob mit sich. Man sollte daher froh sein, dass es in der heutigen Zeit noch (junge) Menschen gibt, die bereit sind, sich diese Arbeit aufzuladen; für die die innere Erfüllung, die sie durch diese Aufgabe erfahren, den Aufwand und Ärger überwiegt.

Bevor nun aber ein bitterer Nachgeschmack verbleibt, möchte ich etwas betonen:

Loreley zu sein war für mich eine der schönsten Aufgaben, die ich je übertragen bekommen werde. Es war eine Zeit, an die ich mich immer gerne zurück erinnern werde, von der ich meinen Kindern und Enkeln erzählen werde. Sie hat mein Leben nachhaltig verändert, da ich immer mit dem Amt verbunden sein werde und insbesondere von Mitmenschen hiermit verbunden werde. Was aber am meisten hängen bleibt, sind nicht etwa die tollen Reisen, die ausgezeichneten Weine, von denen ich viele kosten durfte, oder die rauschenden Feste. Es sind die Menschen, die ich kennen- und schätzenlernen durfte; Freundschaften, die entstanden sind, und die sich teils wie Familie anfühlen. Uli Lenz ist einer hiervon, den ist ich an dieser  Stelle nennen muss, weil er einfach ein unglaublicher Mensch ist. Alleine dafür, dass ich Uli – dem Erfinder der Loreley Repräsentantin – kennenlernen durfte, der wirklich zu meinem dritten Opa geworden ist, hat es sich gelohnt, Loreley zu werden. Es passiert eben alles aus einem Grund.

Sicherlich gab es auch schwere Tage, an denen es mal stressig wurde, an denen nichts funktioniert hat, an denen ich wirklich schlechte Reden gehalten habe, und und und. (hierüber habe ich in meiner Abschiedsrede ein wenig philosophiert, die ich euch auch eingestellt habe – vielleicht könnt ihr ja ein wenig lachen)

Aber jeden dieser Tage begreife ich als Teil eines Lernprozesses. Jeder einzelne dieser Tage hat mich zu der Person gemacht, die ich heute bin. Ich würde keinen einzigen missen wollen und würde immer wieder meine Bewerbung als Loreley einreichen.

 

Annex: Ein Dankeschön muss ich an dieser Stelle noch loswerden. An meinen damaligen Freund, der einfach unglaublich war, mich bedingungslos unterstützt und all meine Launen, Haarkatastrophen und vieles mehr ertragen hat. Der mir nicht zuetzt das schönste Abschiedsgeschenk selbstgebaut (!) hat, das man sich vorstellen kann. Ich kann nicht in Worte fassen, wie dankbar ich bin, das alles werde ich nie gutmachen können.

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