Wunderland

Meine Oma

… war nicht nur eine unglaubliche Person, sie leitete mein Leben in entscheidende Bahnen, auch wenn ihr das wohl gar nicht bewusst war, auch wenn es mir wohl erst heute wirklich bewusst ist. Das werde ich ihr nie vergessen. Und auch sie war gewissermaßen eine Loreley.

Meine Oma war eine Frau aus dem kalten Harz, also eigentlich die geborene Hexe. Sie hatte blonde Haare, früher lang, dann mit dem Alter kürzer. Eine blonde, schöne Hexe… die Geschichte kennen wir doch. „Zu Bacharach am Rheine wohnt eine Zauberin…“ Die Loreley. Ich selbst war drei Jahre lang Loreley, und werde es auch immer sein, genau wie 15 andere Frauen vor mir, und genau wie all jene, die noch folgen werden. Aber steckte nicht auch in meiner Oma schon eine Loreley?

„Jedes Wochenende bin ich mit meinem Moped hochgefahren. Bei Wind und Wetter, nachdem ich sie ihrem damaligen Kerl ausgespannt hatte“, so spricht mein Opa heute noch von meiner Oma; dahinter steckt eine tolle Liebesgeschichte, wie sie einem Belletristik Roman entspringen könnte.* Astrid Hayn muss eine unglaubliche, junge
Frau gewesen sein. Eine zierliche Person, von etwa 1,55 Meter. Sie soll mit „ihren langen blonden Haaren den Männern den Kopf verdreht haben“, heißt es in der Schülerzeitung ihres Abschlussjahrgangs. An den Rhein gekommen ist sie leider erst später, ansonsten, so bin ich mir sicher, hätte sie eine tolle Loreley abgegeben. Aber so hat sie immerhin ihre blonden Haare an mich vererbt. Und ich bin dann Loreley geworden – auch für sie.

Meine Kindheitserinnerung an meine Oma ist die an warme Sommertage im Garten hoch über dem Rhein, direkt gegenüber von der Marksburg. An Erdbeeren aus dem eigenen Garten, an den Duft ihrer Sonnencreme von Yves Rocher, an ein dickes, abgegriffenes, mit goldenen Ornamenten verziertes Märchenbuch, das diesen wohligen Geruch alter Bücher verströmte. Meiner Oma verdanke ich es, dass ich mich in der Deutschen Mythen- und Märchenwelt bestens auskenne, ein wahnsinniger Reichtum an Kulturschätzen und wunderbaren, fantastischen Geschichten, den kein modernes Kinderfernseh-Programm wiederzugeben vermag. Dafür werde ich ihr auf ewig dankbar sein.

Jener Tage trug ich auf meinem Kopf noch eine beachtliche blonde Mähne. Erwachsene Frauen, die ebenfalls lange, blonde Haare trugen, wurden für mich automatisch zur Identifikationsfigur, und so fiel die Loreley meiner Prägung zum Opfer, wie die Schiffer dem Rhein. Meine Oma durfte fortan die Geschichte der Loreley in ihren verschiedenen Varianten wieder und wieder erzählen, ich konnte sie nicht oft genug hören, und musste sich dann oft die Frage gefallen lassen, wann ich denn alt genug sei, um selbst Loreley zu werden. „Bald“, war stets die Antwort dieser Frau, die eine so unglaubliche Ruhe ausstrahlte. Bald kam im Jahre 2015, doch bald sollte diese für mich so wichtige Person nicht mehr erleben.

Im Februar 2012 verstarb meine Oma, nach einer sehr kurzen Krankheitsphase. Kurz und schmerzlos trifft es nicht, der Kummer wird nicht weniger dadurch, dass er sich auf ein kürzeres Zeitfenster verteilt. 2015 bewarb ich mich dann um das Amt der Loreley, es folgte das Vorstellungsgespräch – direkt nach meiner mündlichen Abiturprüfung. Noch nie habe ich auf diesem unbequemsten aller Plätze, auf dem Stuhl des Bewerbers bzw. der Bewerberin gesessen, und war so ruhig, wie an diesem Tag; es hat sich einfach richtig angefühlt. Dass ich hier, an diesem wunderschönen Fleck Erde geboren wurde, dass so viele Menschen mich auf dem Weg zur Loreley unterstützt und bekräftigt haben, dass die blonden Haare meiner Oma ein dominantes Gen waren (!) und dass dieses Amt sich gerade
so optimal in meine Lebensplanung einfügen ließ. Es erschien mir einfach logisch, wobei dieser Begriff zu klinisch ist. Es erschien mir natürlich, mich zu bewerben.

Ich weiß noch genau, wie ich den Anruf mit der Zusage erhielt, und wie heiße Tränen über meine Wangen flossen. Wie ich meine erste Rede zum Amtsantritt verfasste und die Zeilen, als Hommage an meine Oma, niederschrieb. Wie ich mit mir haderte, ob ich dies vortragen könnte, ohne in Tränen auszubrechen, und mich schließlich dazu entschied, dass alle von meiner unglaublichen Großmutter erfahren mussten. Wie ich diese Rede wenige Tage später hielt, und mein Hals immer enger wurde, wie ich mit den Tränen kämpfte und berichtete, wem ich zu verdanken hatte, dass ich den goldenen Kamm in den Händen halten und Loreley werden konnte. Und wie stolz ich war und bin, dass ich von dieser Frau abstamme.

Dass meine Oma an diesem Tag, und bei alledem, was noch folgen sollte, nicht dabei sein konnte, war der einzige Schatten, der auf meine Amtszeit als Loreley geworfen wurde. Aber ich bin mir sicher, ihr hätte dieser Tag gefallen. Und ich bin mir sicher, dass sie von alledem weiß.

Jeden Schritt, den wir tun, bringt uns dorthin, wo wir heute sind, macht und zu dem, was wir sind. Meine Amtszeit als Loreley hat mich in besonderem Maße geprägt, und ich bin um jede Erfahrung dankbar, die ich während der drei Jahre machen durfte. Ich bin meiner Oma unglaublich dankbar, dass sie den Grundstein für diesen Weg gelegt hat, den ich dann eingeschlagen habe. Ihr war wohl damals nicht klar, wie sehr sie mein Leben prägen sollte, denn das Amt hat drei Jahre lang einen erheblichen Teil meines Alltags bestimmt. Es prägt heute noch mein Leben, weil ich für immer in besonderem Maße mit der Loreley verbunden sein und mich hiermit identifizieren werde.

War aber meine Oma selbst nicht auch schon eine Loreley? Astrid Hayn war der gütigste und emphatischste Mensch, den ich kenne, sie war der Natur unglaublich verbunden, und konnte aus den einfachsten Dingen etwas Besonderes erschaffen, und das nur durch Worte. Sie konnte mit ihrer Art Menschen verzaubern, und ich glaube, dass einige Menschen diese Fähigkeit besitzen. Und ist es nicht dieser Zauber, der die Loreley, ein einfaches Fischermädchen, zur Nymphe, zur Hexe, aber in allen Fällen zur Berühmtheit hat emporsteigen lassen? Also war auch meine Oma
eine Loreley, und so steckt wohl in vielen Frauen ein Stück Loreley.

 

*Meine Uroma war den Erzählungen nach ein wunderbarer Mensch und wurde von meinen Eltern so sehr geliebt, dass diese ihre erste Tochter – mich – nach dieser Frau benannten, deren Namen ich heute mit Stolz trage. Therese Neuser stammte ursprünglich vom Rhein, die Liebe zog sie jedoch in den Harz. Als dann 1943 meine Oma geboren wurde, hätte das Familienglück nicht größer sein können, doch es waren dunkle Zeiten und die Zeichen standen anders.

Aus dem Geschichtsunterricht wird für mein Epmfinden die verheerende Auswirkung des zweiten Weltkrieges auf eine sehr nüchterne Art vermittelt. Die persönliche Katastrophe für die Menschen traf  mich erst ganz besonders im persönlichen Gespräch mit meiner Oma. Wenn meine Oma mit mir ihr altes, braunes Fotoalbum aus Leder mit der goldenen Schnalle durchblätterte, blickte mir ein schöner, junger Mann entgegen. Er ist uniformiert und steht inmitten einer Schneelandschaft, sein Blick ist unglaublich stark, und die Augen – so denke ich jedes Mal – hat meine Oma ganz klar von ihm geerbt. Kennengelernt hat sie ihren jedoch Vater, meinen Uropa, jedoch nie, denn er ist nicht aus dem Krieg zurückgekehrt; sein genaues Schicksal wurde nicht bekannt.

Meine Uroma hat nie wieder geheiratet, wobei es an Angeboten den Erzählungen nach nicht gemangelt hat. Sie widmete sich mit ganzer Hingabe ihrer einzigen Tochter, meiner Oma Astrid. Und ich bin mir sicher, dass diese ein derart warmherziger Mensch geworden ist, weil sie selbst so viel Liebe erfahren hat. Im Alter von ca. 17 Jahren trat dann mein Opa in ihr Leben. Mit seinem Freund Rudi – dem damaligen Partner meiner Großmutter – verbrachte er seinen ersten Urlaub im Harz. „Wir waren ganz schöne Raufbolde“, erzählt mein Opa heute lachend. Und dann war da dieses Mädchen, Astrid Hayn. Für meinen Opa war es Liebe auf den ersten Blick. Eine Liebe, die er sogar über seine Freundschaft stellte. „Rudi hat eine ganze Zeit lang kein Wort mit mir geredet, nachdem sich Astrid für mich entscheiden hatte, aber das war dann eben so“, erzählt Opa. Und so wurde Astrid Hayn das erste Mädchen, mit dem er eine ernsthafte Beziehung einging.

Doch die junge Liebe wurde gleich auf eine hart Probe gestellt, denn 400 Kilometer Distanz in Vorzeiten des Internets verleihen dem Begriff Fernbeziehung eine ganz neue Bedeutung. Nicht einmal ein Telefon hatte mein Opa zu diesem Zeitpunkt und arbeitete dieser Zeit auch teilweise im Ausland; bis ins „kalte Schweden“ habe es ihn verschlagen. Wie aber haben meine jungen Großeltern kommuniziert? „Deine Oma hat auch schon geschrieben, wunderschöne Briefe. Sie hatte eine einmalige Handschrift und konnte sich toll ausdrücken“, erinnert sich mein Opa. „Ich war nie der große Schreiber, aber dafür bin ich, sobald es mir möglich war, mit meinem Moped in den Harz gefahren, circa alle vier Wochen.“ Bis meine Oma dann schwanger wurde. Und dann ging alles ganz schnell: Mit 23 Jahren machte mein Opa die 20 Jahre alte Astrid Hayn zu seiner Frau und holte sie, samt meiner Uroma Therese, an den Rhein.

Und wenn ich heute mit meinem Opa auf der Loreley spaziere, und er auf dem Thron der Loreley sitzt, der kalte Wind ihm um die Ohren weht, und er den Blick über den Rhein schweifen lässt, dann sagt er: „Der raue Wind hat ja fast schon was vom Harz! Deiner Oma hätte es hier gefallen, als Loreley.“

Fast wie auf dem Harz: "Deiner Oma hätte es hier gefallen, als Loreley." "Your grandma would have loved it here as Loreley."

Dieser Beitrag hat 6 Kommentare

  1. Wow, ich bin sprachlos.

    1. Merci et bises <3

  2. Meine allerliebste Theresa,

    durch deine unglaublich ergreifende Erzählung hast du mich sehr zu Tränen gerührt. Und ja, das ist nicht nur der Traurigkeit geschuldet, diesen auch mir so wichtigen Menschen viel zu früh verloren zu haben, sondern da ist auch so viel Stolz. Auf DICH!!! Auf eine wahnsinns taffe junge Frau die ihren Weg macht, den ich immer mal wieder ein kleines Stück begleiten durfte ( leider viel zu selten). Das hat man halt von Ehrenamt und Engagement 😜. Komme auch deshalb jetzt erst zum gratulieren für diesen tollen Blog. Mach weiter so, denn DU hast was zu sagen. Mit viel Herz und genau so viel Verstand schreibst du über Themen die leider allzuoft in unserer Gesellschaft zu kurz kommen oder gar gänzlich tabu sind.
    Mach weiter auf deinem Weg. Wir sind immer bei Dir. Wenn auch die Oma immer wieder sehr fehlt. Aber die Erinnerung bleibt.

    1. Mir fehlen die Worte (was wirklich selten passiert 😉 ), ich bin unheimlich gerührt! Ich bin dankbar, dass du meine Patentante bist, eine unglaublich starke und inspirierende Frau, und bin froh, dass ich dich habe! Ich freue mich auf die schönen Erinnerungen, die wir sicher noch sammeln werden. <3

  3. Wirklich schön🤧 Oma wäre sicher unglaublich stolz auf dich ❤

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