Wunderland

Paris, ich werde dich lieben!

„If you are lucky enough to have lived in Paris as a young man, then wherever you go for the rest of your life it stays with you, for Paris is a moveable feast.“ – Ernest Hemingway

Es ist soweit: Nur zwei Tage nach der Europawahl trete ich den Weg zu meiner Gastausbildung in Paris an. Was ich dafür tun musste? Mit meinem Dienstherren sprechen, mir einen Praktikumsplatz suchen und mich in einen Zug setzen – muss ich noch irgendwelche Worte über die Bedeutung der Vorteile, die ein geeintes Europa uns bringt, verlieren? Neben Fan dieses Friedensprojekts bin ich persönlich vor allem absoluter Frankreichfan seit ich denken kann. Le savoir-vivre, die Kultur, der Wein… Es wird definitiv eine tolle Erfahrung.

Und heute ist er da. Der Tag, auf den ich so lange hin gefiebert habe …startet mit Verspätung; auf die Deutsche Bahn ist eben Verlass, zumindest, was das angeht. Aber frau ist ja lernfähig, und so habe ich bei der Buchung der Fahrt ein dickes Zeitpolster eingeplant, das es mir nun sogar noch erlaubt, abzuwarten, Tee (und Kaffee) zu trinken, ein paar Zeilen zu tippen… und ein paar Feststellungen zu treffen:

Bahnhofbäckereien-Bekenntnisse eines Koffeinjunkies

Meine erste Bemerkung: Bahnhofbäckereien sind toll! Ernsthaft. Verglichen zu meinem letzten Filterkaffee am Flughafen (dessen Bohnen dem Preis nach von der Queen persönlich gepflückt und beim Mahlen von Sir Elton John besungen worden sein müssen) bekomme ich hier mein geliebtes Koffeeingetränk quasi hinterhergeworfen!

Zweite Bemerkung: Dafür fehlt hier am Kölner Hauptbahnhof aber diese tolle Flughafenatmosphäre. Die ist sicher beim dortigen Kaffee mit einkalkuliert, so nähern wir uns langsam einer Rechtfertigung der Preise. Am Bahnhof erscheinen mir die Menschen insgesamt wesentlich gestresster und gehetzter. Wo man hinsieht rennen Menschen in Anzügen und Koffern zu ihren Gleisen. Das hängt wohl unweigerlich mit dem in den ersten Sätzen beschriebenen
Problem zusammen; und so schließt sich der Kreis, … der Anschlusszug aber wohl nicht an den weiteren Reiseweg an.

Dritte Bemerkung: Was ich unweigerlich bei jedem Getränk mitbezahle: meinen Sitzplatz. Wenn ich ganz ehrlich bin, so ist dies eigentlich die Hauptleistung, auf die ich abziele; die ich zusammen mit meinem Kaffee erwerbe. Und während ich hierüber so nachdenke, komme ich auf die Frage, wie viel ich wohl bereit wäre zu zahlen, für einen Sitzplatz mit einem Tisch, W-Lan und einer Steckdose. Ich frage mich, wie viel Menschen in Zeiten, in denen Leute
mit Youtube und Blogs Geld machen, sie sich keine Stunde Abstinenz von ihrem Socialmedia-Auftritt leisten, und in denen Influencer auf der Straße wohl öfter erkannt werden als so mancher Minister, bereit wären hinzublättern, für einen solchen Platz. Fragen Sie sich selbst doch mal, wie oft sie „aus Verlegenheit“ einen Kaffee getrunken haben, um Platz nehmen zu dürfen – sich einfach zu setzen wäre ja auch ein Unding, glauben Sie mir, ich habe mir „hinter der Bäckertheke“ meinen Führerschein verdient. (Gleiches Phänomen bei Toiletten; dies ist wohl die Geschäftsstrategie mancher qualitativ schlechterer Anbieter. Kaufe ein Brötchen und Kaffee für einmal Notdurft.)
Also, Marktlücke?

Mein innerer Monk, der Tollpatsch

Während ich wohl recht leer in die Gegend starre und hierüber philosophiere, werde ich plötzlich aus meinen Gedanken gerissen. Die freundliche Mitarbeiterin der Bäckereikette fragt mich, ob es denn noch etwas sein dürfte. Und teilt mir damit zeitgleich mit, dass es angebracht wäre, nun doch noch etwas zu ordern, wenn ich denn meinen Platz noch länger in Anspruch nehmen möchte – Schulz von Thun in the house, gute Frau; Botschaft angekommen. Dabei möchte ich doch nur in Ruhe sitzen. Aber ich bin ja nicht zum Spaß hier. Also: Weniger denken, mehr verzehren. Und dann wollte ich ja auch noch anfangen, weniger Kaffee zu trinken… Also gut, ein Tee soll es werden.

Dieser wird auch augenblicklich zubereitet und serviert. Nach fast genau sechs Minuten hat mein Tee genug gezogen, entscheide ich. Die Tatsache, dass ich mich an die empfohlene Zeit halte, hat nichts mit meiner Nationalität zu tun, oder damit, dass ich schon eine Vollblut-Beamtin bin, rede ich mir ein. Es hängt einfach damit zusammen, dass mein Tee so für optimalen Trinkgenuss sorgt – schlimm genug, dass ich auf meinen Kaffee verzichte… Haha. In meinem Hinterkopf höre ich derweil meine klagende italienische Freundin Gloria mit ihrem liebreizenden Akzent sagen „Theresa, don’t be so German!“

Aber ich wäre nicht ich, wenn es beim Entfernen des Teebeutels nicht noch einen kleinen Unfall gäbe. Als ich ihn ganz galant um meinen Löffel wickeln und noch einmal „ausdrücken“ möchte, fällt er mir platschend zurück in meinen dampfend heißen Tee, der nun wiederum auf sämtliche meiner Unterlagen spritzt. Dieser Beitrag hat Pfefferminz-Aroma, meine lieben Leser, glauben Sie es mir! Notiz an mich: Es hat einen Grund, dass ich zur
Kaffeetrinkerin geworden bin.

Wieso bin ich nur so unfassbar tollpatschig? Das steht im krassen Kontrast zu meinem sonstigen Wesen; das ist ja schon beinahe schizophren. Leute, die ich neu kennenlerne fragen oft, ob ich Ballett tanze. Ich habe eine extrem aufrechte Körperhaltung (böse Zungen würden behaupten, „einen Stock im A…llerwertesten“) und einen sehr geraden Gang, was ich leider beides nicht ablehnen kann, ich habe es wirklich versucht. Es muss also mein innerer Monk sein, dieser Tollpatsch! Nun ja, dann jetzt nur keine weiteren Pannen und bitte unfallfrei nach Paris.  

[Es folgen drei in der Tat unfallfreie Stunden. Weil ich schlafe. Was in meinem Fall sicherlich die effektivste Gefahrenprävention ist.]

Die Stadt der Liebe

Und da sind wir auch schon, in der Stadt der Liebe. Während ich meinen schweren Rucksack aufsattele und meinen vollbepackten Koffer, den ich kaum heben kann, vor mir herschiebend das Bahngleis entlanglaufe, warte ich, dass sich dieses pathetische Gefühl einstellt, da ich nun diese Weltstadt, in der so viel Geschichte – so viel sozialistische Geschichte – geschrieben wurde, drei Monate lang mein zu Hause nennen werde. Aber Paris, du machst es mir nicht leicht!

Vor vier Jahren habe ich das erste Mal ein Wochenende in Frankreichs Hauptstadt verbracht. Drei Tage während der touristischen Hochsaison im Juli. In denen es durchgehend geregnet hat, und man im Louvre, in das sich dank des Wetters alle Touristen Paris‘ zu retten schienen, fast von Horden von Asiaten übermannt oder von deren schwingenden Selfiesticks erschlagen wurde. Was unter anderem auch Grund dafür war, dass wir uns damals Notre
Dame geschenkt haben. „Es ist so viel los, kann man ja immer nochmal machen.“ Genau… Nein, der Pariser Zauber hat mich damals wirklich nicht erfasst, so sehr ich es auch wollte, bin ich schließlich frankophil durch und durch.

Just ein Jahr später sollte sich für Paris und mich noch einmal die Gelegenheit bieten: Auf dem Weg zu einer Sprachreise an der Loire hatte ich mir für meinen Umstieg ein großzügiges Zeitpuffer eingeplant, sodass ich die Stadt noch ein wenig erkunden konnte. Es war Ende August, Sommerlaune lag in der Luft, optimale Startvoraussetzungen – nur fielen mein Zug sowie dessen Nachfolger aus, der nächste verspätete sich (Sie merken, wie sich dieser rote Faden weiter durch den Beitrag zieht?), sodass mein Zeitfenster vor meinem inneren Auge dahin schmolz.

Aller guten Dinge sind drei

Und heute, drei Jahre später? Vor Glück hätte ich schreien können, als ich im letzten Jahr die Zusage für ein Gastpraktikum in der Verwaltung einer deutsch-französischen Behörde erhalten habe – in dieser Arbeit würde ich wirklich aufgehen, war ich mir sicher. Und drei Monate in Paris leben zu können – das musste einfach toll werden! Der Zauber würde mich holen. Aber auch diesmal stellen sich langsam dunkle Vorzeichen ein: Das Schicksal der
Notre Dame ist wohl bekannt; dieses einmalig schöne Monument werde ich mir erst einmal nicht mehr anschauen können. Gelbwesten machen die Stadt unsicher und bereiten Mama zu Hause schlaflose Nächte und mir damit ein schlechtes Gewissen. Und das Wetter? Natürlich plätschernder Regen! Während ich auf mein Uber (eine Art Taxi) warte, das mich zu meiner künftigen Unterkunft bringen wird, geht mir dies alles so durch den Kopf. Paris, ich will dich doch lieben, warum machst du es mir nur so schwer?

Aber dann hält mein herzlich-strahlender Fahrer und spricht die ersten Worte Französisch mit mir (einfach eine unglaublich tolle Sprache). Mit dem Verstauen des wuchtigen Gepäcks fällt auch von mir eine Last ab, ich bin angekommen. Und so langsam taue ich auf, vor allem, was meine Sprache angeht. Mein Uber-Fahrer ist selbstständiger Elektriker und fährt „nebenbei“ Uber. Er hat Familie in Portugal und versteht meine Brocken Portugiesisch, die ich ihm hinwerfe, nicht, was wohl mit meiner Aussprache zu tun hat. Er hat anscheinend mehr von Deutschland gesehen als ich, den „Fôret-noire“ findet er besonders schön, und Riesling ist sein Lieblingswein – da hat jemand Geschmack. Diese Gespräche sind es, weshalb ich es liebe, Uber zu fahren. Wenn man ein wenig offen ist, erfährt man die interessantesten Geschichten von Menschen aus aller Welt. Und bringt gleichzeitig die eigenen Fremdsprachenkenntnisse wieder in Schwung.

Wir biegen ab in „meine Straße“ und staunen beide nicht schlecht. Mein hiesiger Ausbildungsleiter scheint auch ein guter Mensch zu sein, vermietet er eine solch beeindruckende Immobilie derart günstig an Studenten des Instituts. Die Freude über diesen kleinen Luxus wird ein wenig getrübt, als ich bemerke, dass zu der Wohnung im vierten Stock lediglich eine schmale Treppe führt. Ich trete mir selbst dafür in den Hintern, dass ich das Angebot des netten Fahrers abgelehnt habe, mir zu helfen – verfluchter Stolz! Also Augen zu und durch. Ich sage Ihnen ja, Paris macht es mir nicht leicht…

Aber: Als dann mein Gepäck in der Wohnung, die ich am Wochenende beziehen werde, verstaut ist, ich in dem Hostel, das ich bis dato bewohne, eingecheckt habe und mir Wasser im nächsten Supermarkt besorgt habe,
geht es mir schon besser (So gesehen sind die Hostel-Regeln denen zum Überleben auf einer einsamen Insel recht ähnlich. Zu allererst: Trinkwassersuche, dann Nahrung; sonst sterben zwar nicht Sie, aber Ihr Portemonnaie (ver)blutet). Als ich mich mit meinem Laptop auf die Terrasse setze, um den Beitrag von vorhin fortzusetzen, werde ich langsam ruhiger. Einen Kaffee habe ich im Hostelrestaurant nicht mehr bekommen – die Maschine wird um 18 Uhr ausgeschaltet (Bitte was?! PARIS! Übertreibe es nicht.) – dafür aber einen ganz ordentlichen Weißwein. Und während ich den ersten Schluck über dem Canal Saint Martin zu mir nehme, kommt sogar die Sonne raus. Und ich glaube, ich fange an, mich zu verlieben – ganz langsam, aber dafür wohl umso intensiver.

Amicalement - les gilets jaunes
Writing with a view - Paris, ich glaube das mit uns könnte klappen.

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