Wunderland

Résumé? Avec du vin endormons-nous…

Resümee… eh, résumé nach einer Woche Paris. Und wie ich dies so schreibe, huscht mir ein Lächeln über das Gesicht. Wann habe ich das letzte Mal ein „résumé“ geschrieben? Richtig, vor Jahren, im Französisch Grundkurs der MSS 13. Und wie ging dies noch gleich? Es fing jedenfalls immer mit einer Beschreibung an. Alors, la situation: Ich sitze hier, in einer wunderschönen Brasserie – beste Erfindung seit dem Grundgesetz – direkt unter meiner Wohnung. Diese ist innerhalb der letzten Tage zu meinem Stammlokal geworden, das ich nicht nur wegen des guten Weins, sondern vielmehr wegen des ausgezeichneten Wlans frequentiere. (Ich werde sozusagen zu meinem abendlichen Glas Wein genötigt, wenn ich denn online arbeiten möchte, aber das soll ja auch gesund sein.)

Ich sitze auf einem der roten Klappstühle draußen im Freien, hinter mir läuft gerade auf einer Leinwand das Eröffnungsspiel der Fifa Weltmeisterschaft. Ich würde wetten, die Hälfte meiner Leser fragt sich nun: „Es ist Weltmeisterschaft?“ Genau, im Frauenfußball. Und wenn Sie zu diesen Personen gehören, dann haben Sie gerade ein unglaubliches Fast-2:0 für die Französische Nationalmannschaft verpasst! Naja, vor mir stehen zwei Gläser Saint Chinian, meine einzige Gesellschaft heute Abend. Und das ganz bewusst, aber zu beidem später mehr.

Paris ist ein Rausch

Wie schaffe ich es bloß, all die Eindrücke die während der letzen Tage auf mich eingeprasselt sind wiederzugeben; die es schaffen, dass ich nach Feierabend am liebsten um 18 Uhr in mein Bett und in einen 100-jährigen Schlaf fallen möchte, mich aber dennoch „rauszwinge“, um jeden Moment schwammartig aufzusaugen, den mir diese tolle Stadt zu bieten hat, um dann am Ende des Tages glücklich, zufrieden einzuschlafen. Mein Kaffeekonsum ist im Übrigen kongruent zu meinem Weinkonsum gestiegen. Daneben ist meine Arbeit hier aber ohnehin so spannend, dass für Müdigkeit schlichtweg kein Platz verbleibt.

In Schlagworten zusammengefasst hatte ich schlaflose, rauschartige und teure erste Tage in der Stadt der Liebe, die es in jederlei Hinsicht wert waren. Nach den letzten kräftezehrenden Wochen voll Klausuren und Wahlkampf fühlt Paris sich an wie das pure Leben. Mein Städtetrip 2015 erscheint mir heute wie ein zartes Kratzen an der Oberfläche der Seine, und mein aktueller Lebensabschnitt verglichen dazu wie das Eintauchen in den Fluss, der es nun direkt schafft, mich mitzureißen – entièrement! Und das merkt man mir wohl: Ich habe mich wohl selten so glücklich angehört, wie gerade in diesem Moment, attestieren mir meine Sprachnachricht-gequälten Freunde zu Hause.

How to Hostel… or not

Übernachtet habe ich während der ersten Tage in einem Hostel; in einem Zimmer mit zwölf Betten, was mich persönlich überhaupt nicht gestört hat. Ich habe meine Wertsachen sicher eingeschlossen und ich bezahle für die wenigen Stunden, die ich tatsächlich in diesem Zimmer zubringe, verhältnismäßig wenig.

Neben dem Preis schätze ich Hostels insbesondere als Orte der Begegnung: Ich reise sehr gerne alleine, weil ich so absolut unabhängig bin und eine Zeit lang auf niemandem Rücksicht nehmen muss. Das ist, glaube ich, meine Definition von Urlaub. Was nicht heißt, dass ich mich gänzlich isoliere, im Gegenteil. Insbesondere ist es für mich unerträglich, alleine essen zu gehen. Ich finde, jedes Gericht schmeckt besser mit guter Gesellschaft. Und so bin ich gezwungen, auf andere Menschen zuzugehen und andere Kulturen kennenzulernen, wenn ich darüber diskutieren möchte, wie unglaublich diese Pistazien-Macarons doch sind! Und das tolle an Hostels: 75 Prozent der Alleinreisenden ticken ganz genauso, die anderen 25 Prozent erkennt man direkt, und lässt sie einfach in Frieden.

Also ist das Erste, was beim Frühstück, aber in jedem Fall nach dem ersten Kaffee zu tun ist: Freunde suchen. Dieses Mal sollte ich wirklich Glück haben. Ein Engländer und zwei Kanadierinnen sind meine Gesellschaft für die nächsten Tage. Mit Ben, einem jungen Briten, der nicht zur Wahl gegangen ist, kann ich heiß über den Brexit diskutieren, in Preyanka entdecke ich ein Spiegelbild meiner selbst und finde Inspiration in Kat, die es schafft, mich um Mitternacht in einen Technoclub auf ein Boot zu schleppen, was mich in Anbetracht meiner Vorliebe für Billy Talent (Kanadier!), die Toten Hosen und Konsorten vor eine erhebliche Herausforderung stellt. Aber diese Nacht (oder dieser Morgen) wird eben eine jener sein, an die ich mich noch in dreißig Jahren zurückerinnern werde, wenn ich meiner Enkelin von meinem Auslandsaufenthalt berichte. Jackpot!

Daneben gebe ich mir tagsüber – stetig einen Café Americain schlürfend – das volle Kulturprogramm während meiner freien Tage vor Arbeitsbeginn: Versailles, Musée d’Orsay, Montmartre (keine Schwärmerei ist übertrieben) und Picknick im Buttes Chaumont mit fromage, fraises et  – bien sûr – du vin. Während meiner Klausuren habe ich zum Abschalten ein allabendliches Doku-Bootcamp samt Glas (oder mit näher rückenden Prüfungen: samt Tasse) Wein absolviert, und hatte so ein beachtliches theoretisches Wissen über Paris angesammelt. Worauf ich jedoch nicht vorbereitet war, ist, dass ich mich dieses Mal so schnell in die Stadt verlieben würde. Ist das nicht verrückt? Ein und dieselbe Stadt und zwei komplett unterschiedliche Erlebnisse? Diese Magie, wann und weshalb ein Ort uns so sehr einnimmt, lässt sich nur schwerlich erklären. Ich vermute allerdings, es hängt zu einem erheblichen Teil von den Menschen, mit denen wir diese Erlebnisse teilen, ab, und noch viel mehr davon, wer wir sind. 2015 hatte ich zu vielen Dingen eine andere Einstellung als heute; damals galt mein größtes Interesse den Läden an der Champs-Elysée. Heute spaziere ich glücklich mit meinem Europa-Jutebeutel anstelle einer Michael-Kors-Handtasche durch die Straßen von Paris und würde jederzeit einen Tag in der Sonne am Canal Saint Martin mit Freunden einer Shoppingtour durch die Metropole vorziehen. Und die Voraussetzungen hierzu sind dieses Mal gut: Am ersten Wochenende durchgehend Sonne und 30°C (ganz im Gegensatz zu den darauffolgenden Tagen).

Mein straffes Kulturprogramm reißt dennoch ein Loch in meine Reisekasse, und ich sehe langsam aber sicher mein hart angespartes Zeilengeld meines Nebenjobs den Ausguss herunterfließen – im wahrsten Sinne des Wortes: Gleich am ersten Tag im Hostel fällt mir auf, dass der Stopfen im Waschbecken fehlt, was ich resigniert zur Kenntnis nehme, um einen Tag später festzustellen: Das Hostel macht eben nicht nur Geld mit meiner Vergesslichkeit (die mich bereits an meinem ersten Abend drei Euro für eine Zahnbürste kostet. Hat die Naturborsten, oder was?!), sondern auch mit meiner zuvor bereits beschriebenen Tollpatschigkeit, denn schwups – ist mir meine noch ungebrauchte Zahnbürste aus der Hand gerutscht, im Ausguss verschwunden und wart nimmer mehr gesehen. Wie gewonnen, so zerronnen, auf ein Neues.

Der erste Einkauf im Supermarkt ist ebenso ernüchternd, Lebenshaltung auf Französisch scheint teurer zu gehen, wesentlich teurer. Das werden wohl ballaststoffreiche drei Monate, hallo Pasta, Reis und Brot! Aber die Auslandserfahrung ist jeden Cent wert. Zum Glück liebe ich Kohlenhydrate. Und meine kanadischen Freunde, die vor Paris in Berlin waren, Kebab. Also auf zum Kebab-Bistro, wobei ich zwei Feststellungen treffe: Als Deutsche bin ich wohl auf alle Zeit für auswärtigen Döner verdorben, wir sind in dieser Hinsicht wirklich verwöhnt. Zweitens: Natürlich stammt der Bistrobesitzer hinter der Theke, der meinen Akzent als deutsch entlarvt, aus Deutschland, wie er mir in meiner Muttersprache erklärt. Und pflichtet mir bei, was meine erste Feststellung betrifft.

Angekommen: Mögen die Spiele beginnen

Als ich Samstag meine Wohnung beziehe, bin ich verliebt, schon wieder. Für Pariser Verhältnisse ein echter Luxus und das zu einem „erschwinglichen“ Preis: Altbau, tolles Ambiente, zentrale Lage, zwei Zimmer, Geschirrspüler und Waschmaschine(!). Und der Job? Übertrifft alle Erwartungen: Das historische Gebäude an und für sich ist schon beeindruckend, die Arbeit eine Dienstleistung für die Wissenschaft, die künstleriche Umgebung inspirierend und der Chef, der auf jedes Problem eine Lösung zu finden scheint, der nicht nur verwaltet, sondern gestaltet, ein Allrounder von Haushaltsrecht bis Personalmanagement ist, und mich nicht zuletzt fördert und fordert, ein Vorbild.

Ein wenig getrübt wird dieses vollkommene Bild lediglich, als meine neu gewonnenen Freunde die Stadt verlassen, um weiter nach Nizza bzw. zurück nach London zu reisen. So kurz die Begegnungen auf meinen Reisen sind, so sind sie meist die besonders intensivsten, treffe ich hier oft Gleichgesinnte, die mit offenen Augen und vor allem offenen Herzen durch die Welt reisen. Ich gehe immer mit ein wenig mehr, als ich gekommen bin, und gebe dafür auch ein Stückchen Deutschland her. An unserem letzten gemeinsamen Abend bin nicht ich es, die an einer roten Ampel anhält, obgleich sich kein Auto in Sichtweite befindet… Bravo, Kat!

Wie sehr ich im Gegenzug bereits anfange, die französische Kultur zu adaptieren, bemerke ich ausgerechnet beim Einkaufen heute Mittag. Ich stehe vor der Wahl, von meinem restlichen Geld in der Tasche Fleisch zu kaufen oder aber eine Flasche Rosé, und entscheide mich für die vegetarische Alternative – ein Baguette und etwas gesalzene Butter werden es heute Abend wohl richten müssen.

Der Abschied von meinen Freunden ist für mich zugleich der Startschuss, nun bewusst zu versuchen, Dinge alleine zu tun, um so komplett in die andere Kultur einzutauchen. Ich will alle möglichen Erfahrungen machen, und dazu gehört für mich eben auch, mich alleine in die Brasserie zu setzen, einen Rotwein zu genießen und meinen Blog weiterzuschreiben. Und gerade in diesem Moment, als ich hier sitze, und ich versuche, meine Eindrücke zu sortieren und den Beitrag zu verfassen, stellt mein neuer Lieblings-Kellner, der sogar ein paar Brocken Deutsch spricht, mir plötzlich unaufgefordert ein zweites Glas Wein hin „die Flasche müsste leer werden“ – chéri, wenn du wüsstest, dass es dank dir morgen wohl doch ein Putensteak gibt. Ich liebe Frankreich.

Annex: Solotraveller – Kulturbotschafter sui generis

Weshalb finde ich es so wichtig zu reisen, und empfehle meinen Freunden immer wieder, es alleine zu tun? Erstens erweitert dies den eigenen Hoirzont wie kaum eine andere Erfahrung: Zwangsläufig lernt man andere Menschen kennen, die in einer vermeintlich anderen Kultur aufgewachsen sind. Und bin ich alleine unterwegs, so bin ich dieser gegenüber offener (s.o.). Zweitens: Inbesondere formt alleine zu reisen aber den eigenen Charakter. Denn es geht nicht nur darum, andere Kulturen kennenzulernen, es geht meiner Meinung nach auch darum, die eigene ein stückweit hinter sich zu lassen, sie einmal von außen zu betrachten und auch zu hinterfragen. Zugleich sind wir niemals mehr wir selbst, als wenn wir an einem völlig fremden Ort ganz alleine sind, fernab von Zwängen und Erwartungen, einer sozialen Rolle, die wir spielen. Das beobachte ich jedenfalls bei mir. Und ich hoffe, dass ich nach drei Monaten in einen unwiderruflichen Habitus gerate, und vor allem diese Freiheit mitnehme.

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Ich schon wieder! Du merkst, heute nehme ich mir einfach mal ein wenig Zeit für die schönen Dinge. Dazu gehören definitiv Deine wundervollen Berichte. Und die Sehnsucht, den zweiten Versuch in dieser wunderschönen Stadt zu starten, wird immer größer. Genieße Deine Zeit und schreib vor allem weiter. Lass uns teilhaben an dem Pariser Flair 😍😍😍

    1. Danke für diese wunderschönen Kommentare, liebe Katja! Das motiviert mich doch immer wieder, weiterzuschreiben. Ich freue mich, wenn du mich besuchst, Paris 2.0 wird unglaublich, ich verspreche es dir (inklusive eines Pistazien-Macarons!) <3

  2. Es ist wundervoll, von Deinen Erlebnissen zu lesen! Fast, als wäre man selbst bei Dir!
    Ich stimme Dir in so vielen Hinsichten zu, aber vor allem der Tatsache, dass alleine reisen etwas tolles und wichtiges ist. Was mich jedoch jedes Mal verblüfft ist, dass man sich in einer schwer zu beschreibenden Art und Weise dafür rechtfertigen muss, dass man gerne alleine reist! Die Gesellschaft steht dem alleine reisen grundsätzlich eher skeptisch gegenüber. Warum sollte ich alleine reisen, wenn ich auch mit Familie oder Freunden verreisen kann? Warum sollte ich mich alleine durch die Großstadt quälen? Warum sollte ich die Erinnerungen nicht direkt mit den wichtigsten Menschen in meinem Leben teilen?
    Ganz einfach: Weil es den Horizont erweitert. Du wirst merken, wie weltoffen verschiedenste Kulturen sind. Dass du über dich selbst hinauswächst. Dass du Erfahrungen sammelst, die du ansonsten wahrscheinlich niemals erlangt hättest. Und vor allem, weil du über dich hinauswächst. Du merkst, dass du Dinge erreichen und bewältigen kannst, denen du vorher mit gewissen Hemmungen entgegen geblickt hast.
    Demzufolge freut es mich, was für eine tolle Zeit Du gerade erlebst! Genieß‘ jede Sekunde, denn ich weiß aus Erfahrung, dass die Zeit viel zu schnell vorbeigeht. Und bitte lass‘ uns weiter so toll an deinen Erfahrungen teilhaben <3

    1. Verena meine Liebe, vielen Dank für diesen schönen Kommentar! Du hast absolut recht und bist einfach ein toller, starker und inspirierender Mensch. Ich freue mich unglaublich auf dich!<3

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