Wunderland

Von außeruniversitären Forschungseinrichtungen und unfotogenen Falafeln

„Soyons le changement que nous voulons voir dans le monde.“
(Einer der seltenen, klugen Beiträge an den Wänden der Metro, der mich darin bestärkt, aufzuhören, mein Essen zu fotografieren!)

Eine deutsche, außeruniversitäre Forschungseinrichtung im Ausland – Gesundheit! Fragte ich mich zu Beginn meines Gastpraktikums noch, was sich hinter dieser sperrigen Bezeichnung verbirgt, bin ich dem innerhalb meiner ersten drei Wochen (unglaublich, dass es schon drei Wochen sind) um einiges näher gekommen. Es bedeutet beispielsweise, dass ich an einem Donnerstagvormittag unbeschwert einen Café au lait im Marais genießen und ein wenig durch die schmalen, gepflasterten und nahezu menschenleeren Gassen spazieren kann, in die vereinzelte Sonnenstrahlen fallen und für ein schummriges Licht sorgen. Denn die Geschäftsstelle der Max-Weber-Stiftung (MWS) sitzt in Bonn. Und in  NRW ist „La Fête-Dieu“, Fronleichnam, ein staatlicher Feiertag, was mir mitten in der Woche die Möglichkeit beschert, Paris fernab des gewöhnlichen Trubels zu erleben, da die Franzosen auf der Arbeit sind, und die meisten Touristen die Stadt erst im Juli heuschreckenartig überfallen werden. Merci!

Einen Gesinnungsaufsatz bzw. einen Gesinnungsabsatz darüber, wie wichtig die Arbeit des Deutschen Forums für Kunstgeschichte (DFK) der MWS als eine solche Forschungseinrichtung ist, werde ich am Ende anfügen. Davor möchte ich jedoch ein wenig über Paris, die Franzosen und le Savoir-Vivre sinnieren, denn mit jedem Tag habe ich das Gefühl, ein wenig mehr zu verstehen, was sich hinter diesem Begriff verbirgt. Also: Hier ein paar Gedanken, die mir während der letzten Wochen beim Kontakt mit meinen lieben Hostelfreunden und Kollegen, oftmals beim Beobachten anderer Menschen in der Metro, oder beim Lesen der vermeintlich geistreichen Inschriften an diversen Wänden durch den Kopf gingen (Man sollte meinen, dass die Menschen in Zeiten von Facebook, Twitter und Co., sprich Zeiten, in denen jeder noch so dämliche Post in Sekundenschnelle seinen Weg in das World Wide Web findet, einen geringeren Drang verspüren, ihre geistreichen Einfälle an den Wänden von Metro-Stationen zu Stein zu bringen. Tun sie aber nicht.)

Die Stadt der Liebe – Mehr ist mehr!

Dass der Franzose leidenschaftlich ist, ist nicht nur durch Funk und Fernsehen bekannt. La grève, das Streiken, bezeichnete mein erster City-Guide liebevoll als „Nationalsportart No. 1“ (natürlich dicht gefolgt von Pétanque). Aber so leidenschaftlich die Franzosen streiken, so offen sind sie auch in ihren Liebesbekundungen… und -werbungen.  Pfeifen auf der Staße und Komplimente vor Cafés, die Franzosen flirten was das Zeug hält! Innige Verabschiedungen an Metrostationen sind gang und gäbe, sodass man meint, die Paare würden sich nicht etwa auf ihren Weg zur Arbeit begeben, sondern vielmehr auf eine Tour du monde aufbrechen. Zugleich ist es unheimlich rührend zu sehen, wie gefühlvoll die Franzosen miteinander umgehen; wie selbst Paare fortgeschrittenen Alters Hand in Hand entlang der Seine flanieren. Und falls bei all den Gefühlen die Liebe dann doch einmal Überhand nimmt, so hängen – wirklich an jeder Ecke – Kondomautomaten, ganz so wie es in Deutschland Papierkörbe gibt – sehr aussagekräftig. Paris ist eben die Stadt der Liebe, durch und durch.

Sag es durch die Blume! Herrlich Britisch.

Daneben durfte ich während meiner ersten Wochen nicht nur die französische Kultur kennenlernen, nein, dank meines Hostelaufenthalts erhielt ich die britische quasi als komprimierte Gratisbeigabe dazu.

Briten sind unglaublich höflich, indeed. Sie sind in ihrer Diskretion unübertroffen und beherrschen die blumige Sprache, nämlich die Sprache durch die Blume, wie keine zweite Nation (außer vielleicht den Japanern). Ach Ben, dein herrliches „Oh yes… I might appreciate that“ gefolgt von sich leicht nach unten ziehenden Mundwinkeln, die eigentlich sagen möchten „No way, you just nailed it and sank the Titanic. On which were playing the Beatles.“, fehlt mir. Beispielsweise als ich mich unverschämterweise erdreistete, auf der Rolltreppe links zu stehen, und ein einfaches „Geh mal zur Seite!“ die Situation ganz unkompliziert entschärft hätte, du es aber vorzogst – beginnend mit einem langgezogenen „Weeeeell“ – festzustellen, dass in London gilt „rechts stehen, links gehen“, aber das natürlich in Frankreich ganz anders sein könnte. Darling,  wir haben vielleicht keinen Linksverkehr, aber diese Rolltreppenregel gilt wohl international. Ich bin einfach nur selten vertrottelt und nähme es dir keinesfalls übel, darauf hingewiesen zu werden. Ich muss heute noch über diese Indirektheit grinsen, die mich in Kombination mit deiner vornehmen Zurückhaltung in Sachen Restaurant-Auswahl, auch manchmal in den Wahnsinn getrieben hat (das könnte aber auch meinem Hunger geschuldet sein, no offenses). Anyway, you’re welcome!

Gourmet et Gourmand

Meine Kollegen sind glücklicherweise wesentlich entscheidungsfreudiger was das Essen anbelangt (sowohl die deutschen, als auch die französischen!). Warum auch nicht, ist es schließlich nahezu unmöglich, in Paris schlecht zu essen. Überhaupt reiht sich ein Restaurant an das andere. Dies ist dem geschuldet, dass infolge der französischen Revolution viele Köche der Bourgeoisie ohne Job dastanden und so über Nacht zu Unternehmern wurden und ihre eigenen Lokale eröffneten, was die Pariser Straßen heute noch zeichnet. Neben der grandiosen französischen Küche rund um herzhafte Quiches und Galettes, süße Éclairs und Brioches gibt es zahlreiche weitere Versuchungen. Ramen, Pita-Falafel, und und und. Zum Glück ist in Paris fast alles fußläufig zu erreichen, sodass ich mich bei all dem Essen ausreichend bewege, sofern es das Wetter denn zulässt. By the way, gerade heute durfte ich wieder feststellen, wie unbeständig das Pariser Wetter ist: Nämlich als ich bei strahlendem Sonnenschein das Haus verlasse und in meinem durchnässten Sommerkleid sowie mit Wasser vollgesogenen Sandalen in meine Wohnung in den vierten Stock zurückkehre bzw. stapfe, und meine Schuhe bei jeder Stufe Geräusche à la Darth Vader von sich geben (eeeein, aaaaus). Egal, nichts kann meine Laune heute noch trüben, habe ich soeben mit Freunden eine dampfend-warme, unglaublich würzige Pita-Falafel in einem tollen Park im Marias verspeist; wobei mir – buchstäblich – warm ums Herz wurde. Deshalb ist Essen also so eine große Sache in Frankreich.

Nicht fototaugliche Falafel – Hört auf euer Essen zu fotografieren!

… was noch lange nicht heißt, dass ich der Welt fotografisch mitteilen muss, was ich gerade zu Mittag hatte. Ich darf die folgende Kritik so harsch äußern, da ich mich selbst nicht hiervon ausnehme. Im Gegenteil, auch in meiner Instagram-(Hi)story finden sich zahlreiche dieser Sünden, wobei ich mich heute ganz ehrlich frage, wie ich zu dem Trugschluss kommen konnte, dass es meine Follower interessiert, ob ich mich am 22.05. für Pizza oder Pasta entschieden habe. Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung und ich fühle mich ein wenig wie in einer Selbsthilfegruppe, wenn ich stolz von meinen ersten Entzugserfolgen berichte und sage, dass bisher weder ein fotogenes Macaron, noch meine (ohnehin nicht fototaugliche) Falafel ihren Weg in meine Story gefunden haben. Ich erziehe mich gerade selbst, und versuche, diese – doch wirklich absurde und verrückte – Angewohnheit abzulegen, mein Essen zu fotografieren, meine Gesellschaft auf dem Bild zu markieren, und dieses Foto dann in meine Story zu jagen, um mich am Rausch der Likes bzw. Reaktionen zu erfreuen.

Es ist beinahe pervers, wenn ich mit Freunden essen gehe und wir alle – inklusive mir – erst einmal unser Handy herausreißen, um diesen epischen Moment des Servierens  (Achtung Sarkasmus) festzuhalten – und wehe jemand schneidet an, bevor abgelichtet wurde! Wie konnte es so weit kommen, dass wir mittelmäßige schön drapierte Burger Mamas auf dem Teller zerlaufender, fast matschiger Lasagne (Definitiv kein Instagram-Material, aber auf Ewig mein absolutes Leibgericht!) vorziehen, sprich dass wir den Wert unseres Essens eher daran messen, ob es gutes Fotomaterial ist, als dass es uns dieses oben beschriebene, wohlig-warme Geschmackserlebnis beschert? Dem muss ich entgegen steuern. Deshalb „habe ich heute leider kein (Essens-)Foto für dich“, © by Heid Klum (<-In diesen Kreisen fotografiert man wohl ohnehin eher selten sein Essen. Gibt es denn überhaupt etwas zu essen?)

Qual der Wahl – Stadtluft macht frei

Überhaupt sind meine Instagram- und Facebook-Zeiten „seit Paris“ drastisch zurückgegangen. Denn die freie Zeit, die mir neben der Arbeit bleibt, nutze ich lieber… ja, wie denn? Ich habe die Qual der Wahl, es gibt einfach zu viele Möglichkeiten für einen einzigen Abend in dieser tollen Stadt. Siehe vorgestern, als ich auf ein freundliches „es war ja schon lange nichts mehr Neues im Blog“ meiner Freunde hin begonnen habe, diesen Beitrag zu schreiben. Ebenso hätte mein Abendprogramm ein Musemsbesuch oder ein Essen mit deutschen Freunden sein können. Ich hätte meinen Vortrag für den Besuch des deutschen Botschafters und der Studenten aus dem Auswärtigen Amt für den nächsten Morgen üben können (diese Option bevorzugte die rationale Deutsche in mir) oder aber ich hätte mich mit einem Glas Rosé mit meinen Pariser Freunden an den Canal Saint Martin in die Sonne setzen, und dann später noch ein wenig schreiben und können. („Der Wein wird sonst schlecht und wer weiß in Paris schon, ob morgen die Sonne scheint“ – die Französin in mir ist eine Meisterin der Verführung…)

Bienvenue chez nous – meine erste Aufgabe am DFK

Natürlich gewinnt der Wein, aber vor allem die Sonne! Und der Vortrag am nächsten Tag? Läuft dennoch reibungslos (was mich in meiner vorabendlichen Entscheidung pro Wein bestärkt). Das Präsentieren an sich ist vergleichsweise leicht  – weil ich absolut von der Arbeit des DFKs überzeugt bin, und der Enthusiasmus, mit dem ich das Wirken der MWS vorstelle, echt ist. Hier wird Wissenschaftlern ermöglicht, frei von jeglichen Zwängen, frei von Druck aus Politik und Wirtschaft, zu forschen. Und die Verwaltungsmitarbeiter (als Dienstleister an der Wissenschaft) tun alles Mögliche, um den hierzu nötigen Rahmen zu schaffen. Ich bin mir sicher, dass unser hiesiger Verwaltungsleiter ein Anliegen eines Wissenschaftlers niemals mit einem plumpen „Nein.“ abspeisen, sondern stets ein „Wir versuchen es möglich zu machen.“ entgegnen würde – und diese Arbeitshaltung, diese Grundeinstellung erlebe ich bei dem Großteil der Mitarbeiter des Forums, weshalb es unglaubliche Freude bereitet, hier zu arbeiten; weshalb ich mich direkt mit dem DFK identifizieren konnte; weshalb ich nach zwei Wochen von „uns“ spreche und nicht zuletzt stolz bin, die MWS an diesem Tag präsentieren zu dürfen. Und die studentischen Zuhörer? Stellen tatsächlich rege und interessiert Rückfragen, scheinen sie doch genauso enthusiastisch gegenüber Verwaltungsarbeit zu sein wie ich, bzw. gegenüber dem, was sie sein kann, nämlich Gestaltung.

Bevor mein Beitrag nun aber zu einem Werbeblock für den öffentlichen Dienst ausartet, wird es Zeit für mich, ins Bett zu gehen. Denn einen Brückentag gibt es morgen nicht geschenkt – das leider verkneife ich mir; ich freue mich auf die Arbeit.

 

Bisous, Theresa

 

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Wow, du siehst echt super aus😍
    In Paris scheint es dir ja richtig gut zu gehen😏🤩

    1. Danke Liebes! 😘 Ja, Paris zwingt mir ein dämliches Dauergrinsen auf’s Gesicht..😄

  2. Liebe Theresa,

    ich freue mich immer riesig auf deine Berichte.

    Aber: MEINE LASAGNE VERLÄUFT NICHT AUF DEM TELLER UND IST AUCH NICHT MATSCHIG!!!!!
    (Deshalb war das auch nur ok, als ich Korrektur gelesen habe 🙂 🙂 🙂

    Freue mich aber schon auf den nächsten Bericht, der wird bestimmt wieder besser
    🙂 🙂 🙂 🙂 🙂 🙂

    Alles Liebe
    Mama

    1. Ach Mama, der Kommentar ist einfach wieder Gold wert! Ich sitze gerade bei meinem ersten Kaffee in einer Brasserie und grinse wie eine Idiotin.
      Na dann möchte ich doch bitte, sobald ich heimkomme, eine dieser nicht-matschigen Lasagnen aufgetischt bekommen, quasi als Brainfood für den nächsten Bericht! 😉 <3 Bisous

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