Wunderland

Verwaltung+; auf nach Europa!

La vie c’est comme une bicyclette – il faut avancer pour ne pas perdre l’équilibre.

– Albert Einstein

 

Weil mein Erasmuspraktikum eine unglaublich wertvolle Erfahrung für mich war, und ich von Europa überzeugter denn je bin, habe ich mich entschieden, einen etwas ungewöhnlichen Beitrag zu veröffentlichen: Meinen recht bürokratischen Erasmus-Erfahrungsbericht (unter Auslassung der „krass-verwaltungstechnischen“ Passagen 😉 ). Ich möchte ihn mit euch teilen, um für Erasmus zu werben, und im Optimalfall den ein oder anderen ermutigen, selbst die Chance wahrzunehmen, und mit Erasmus ins Ausland zu gehen. Here we go:

Raus aus der Komfortzone, ab nach Europa!

Kunstgeschichte, impressionistische Sonntage mit Monet im Musée d‘Orsay, viele Macarons mit Menschen, die gute Freunde geworden sind –  Begriffe, die man zunächst nicht mit ihrem „gemeinsamen Nenner“ in Verbindung bringen würde: meinem Verwaltungspraktikum in Frankreich. Aber sie waren ebenso Teil meines Gastpraktikums in der Verwaltung des Deutschen Forums für Kunstgeschichte (DFK) der Max Weber Stiftung in Paris wie Zuwendungsrecht, das Wissenschaftsfreiheitsgesetz und der Geschäftsverteilungsplan. Und genau diese Vielseitigkeit hat das Praktikum zu einer so wertvollen Erfahrung gemacht: Es war abwechslungsreich und fordernd, und ich habe sowohl auf fachlicher, als auch auf menschlicher Ebene eine Menge gelernt.

Aber wie kommt man als Studentin des Studiengangs „Allgemeine Verwaltung“ dazu, die Eifel zu verlassen, und nach Frankreich zu gehen, um mit Kunsthistorikern an einer „außeruniversitären Forschungseinrichtung“ zu arbeiten – und was ist das überhaupt?
Diese Frage stellte ich mir auch vor Beginn meines Praktikums. Aber da Verwaltung und Ordnung Hand in Hand gehen, beginne ich meinen Erfahrungsbericht so, wie es die offizielle Checkliste fordert, nämlich von Anfang an, mit der Beschreibung der Vorbereitung.

Für mich war von Studienbeginn an klar, dass ich mein Gastpraktikum gerne im Ausland verbringen würde. Sinn und Zweck des Ganzen ist es, eine andere Verwaltung kennenzulernen und dann auch im Optimalfall das eigene (Verwaltungs)Handeln zu reflektieren. Denn nur wer etwas anderes gesehen hat, kann vergleichen und sich so hoffentlich auch verbessern, davon bin ich überzeugt. Dieser Effekt potenziert sich automatisch mit einem Auslandsaufenthalt, während dem ich mich zwangsläufig mit einer anderen Kultur und Mentalität auseinandersetze, und so mit der Zeit auch einen differenzierteren Blick gegenüber meinem Heimatland entwickle. Eine einmalige Chance.

Organisation ist das halbe Leben

Etwa ein Jahr im Voraus kümmerte ich mich um einen Praktikumsplatz. Meine erste Wahl war Frankreich, das Land und die Kultur haben mich schon immer fasziniert. Über die Seite des Goethe-Instituts bin ich auf das DFK gestoßen. „Außeruniversitäre Forschungseinrichtung“, sagte mir wenig, „öffentlich rechtliche Stiftung“ dagegen schon mehr. Da stand Staat drauf, da war Staat drin! Nach einem kurzen Telefonat mit dem Verwaltungsleiter wusste ich, dass ich hierher wollte. Ich machte eine schriftliche Bewerbung fertig  und erhielt kurz darauf die Zusage.

Gegebenenfalls eine teure Erfahrung – die jeden Cent wert ist

Man muss sich bewusst sein, dass die Mieten in den europäischen Hauptstädten alles andere als studentenfreundlich sind. Im Fall von Paris gilt Gleiches für die Lebenshaltungskosten; ein (einfacher) Wocheneinkauf für eine Person um die 60 € ist ganz normal. Und dann gehört es in Paris eben einfach zur Kultur, in der Mittagspause gemeinsam mit Kollegen gemütlich in einem Bistro zu sitzen und ein kleines Mittagsmenü zu genießen – die Franzosen können hierzu ggf. sogar sogenannte „Chèque Déjeuner“ erhalten, Gutscheine, die hälftig von Arbeitgeber und –nehmer finanziert werden, und mit denen in Restaurants gezahlt werden kann – Essen gehen wird quasi staatlich gefördert, ist kultureller Usus. Den ich sehr schnell schätzen gelernt habe der aber ohne cheque déjeuner eben nicht ganz billig ist.) Finanzieren konnte ich meinen Auslandsaufenthalt über meine Anwärterbezüge sowie die Erasmusmittel. Sicherlich waren dies Monate, in denen ich wesentlich höhere Kosten als in Deutschland hatte. Aber diese Erfahrung war jeden Cent wert.

Mein Arbeitsalltag in Paris

Das Arbeitsklima am DFK Paris war sehr entspannt, Wissenschaft und Verwaltung arbeiten Hand in Hand. Die Verwaltung im weiten Sinne fungiert als Service-Einheit gegenüber den wissenschaftlichen Mitarbeitern und versucht optimale Rahmenbedingungen für das Produkt, kunsthistorische Forschung in internationalem Kontext, zu schaffen. Ich arbeitete vor allem mit der Verwaltung im engen Sinne (Verwaltungsleitung, Personal, Buchhaltung) zusammen, war aber eingeladen, am Abend an den im Haus stattfindenden (kunsthistorischen) Kolloquien und Vorträgen teilzunehmen.

Was mich nachhaltig beeindruckte, ist, dass die Mitarbeiter der Kernverwaltung, lediglich drei Personen, ein so breitgefächertes Aufgabenspektrum meistern. Personalrecht in deutschem und französischen Kontext, TVöD und Code du Travail, Haushaltsrecht, Personalvertretungsrecht… Die Arbeit in der Verwaltung am DFK ist einerseits durch die Breite und andererseits durch den interkulturellen Kontext gekennzeichnet und besonders anspruchsvoll, aber hierdurch zugleich unglaublich interessant und abwechslungsreich. Ich bin jeden Tag gerne zur Arbeit gegangen, kein Tag war wie der andere und die Zeit verging wirklich (zu) schnell.

Was mich insbesondere inspirierte, war die Arbeitsweise des Verwaltungsteams. Da es oftmals, gerade im personalrechtlichen Bereich, keine Präzedenzfälle gibt (insbesondere aufgrund des Aufeinandertreffens von deutschem und französischem Recht), sind die Mitarbeiter immer wieder gefordert, mit der entsprechenden Methodik der Rechtsanwendung eine Lösung zu finden. Beeindruckt hat mich ebenfalls, dass die Verwaltungsleitung darüber hinaus stets bestrebt ist, bestehende Prozesse und Arbeitsbedingungen zu optimieren. Sie sucht nach kreativen und praktikablen Lösungen (Beispiel: Einführung einer Zusatzkrankenversicherung für französische Mitarbeiter) um ein möglichst gutes Produkt zu liefern. Mit Erfolg: Das DFK ist nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht eine in Frankreich angesehene Einrichtung, sondern auch ein Aushängeschild für deutsche Geisteswissenschaften. Es war inspirierend zu sehen, wie motiviert die wissenschaftlichen Mitarbeiter sowie der Institutsdirektor hier arbeiten.

Fazit

Kann ich also ein Praktikum am DFK Paris empfehlen? Jein.

Nein: Wer von Klausur zu Klausur denkt, Schemata auswendig lernt ohne den Anspruch den Hintergrund, das Recht, zu verstehen; wem „Das war schon immer so“ ein Credo, und Prozessoptimierung zu anstrengend ist – der sollte sich definitiv nicht am DFK bewerben. Dies würde weder für den Praktikanten, noch für die Mitarbeiter am DFK eine gute Zeit. Als Praktikant arbeitet man sich zwangsläufig in fremden Rechtsgebiete ein und dies auch teils in einer anderen Sprache, was bei mangelnder Motivation zur Tortur werden kann. Und andersrum nehmen sich die Mitarbeiter wirklich viel Zeit, einem hierzu die nötige Hilfestellung zu geben, die bei Desinteresse vergeudet wäre.

Das soll aber keineswegs heißen, dass man als DFK-Praktikant alles wissen und können soll – im Gegenteil, das war bei mir ganz sicher auch nicht der Fall. Mitbringen sollte man aber Neugier, Motivation und ein ehrliches Interesse.

Daher ja, an all jene: Die ein gewisses rechtliches Grundverständnis haben und sich nicht scheuen, sich in fremde Themen einzuarbeiten. Dann kann man kann man am DFK eine Menge lernen – aus fachlicher Sicht, aber auch für das Leben. 

Europa-verliebt

Für mich war das Auslandspraktikum eine unglaubliche Zeit, die mich persönlich und wohl auch meinen weiteren Lebensweg nachhaltig beeinflusst hat. Ich kann nur dafür werben, dass mehr Studierende an meiner Hochschule diese Chance wahrnehmen. Es ist sicherlich ein gewisser Mehraufwand, das Praktikum im Ausland zu verbringen: Man muss raus aus seiner Komfortzone, „Papierkram erledigen“, man trägt gewisse Mehrkosten und muss ein wenig organisieren. Aber man kann das Ganze auch als Abenteuer betrachten, als eine Chance, sich persönlich weiterzuentwickeln und nicht zuletzt als eine Investition in die eigene Zukunft.

Daneben würde ich mir als Herzbluteuropäerin wünschen, dass mehr junge Menschen die Chance durch Erasmus nutzen und eine Zeit lang ins Ausland gehen. Ich habe meinen Auslandsaufenthalt genutzt, rauszugehen und mit den Menschen in Kontakt zu kommen. Ich habe in diesem Land wirklich gelebt, habe Kontakte geknüpft und Freundschaften geschlossen. Und genau dies, dass Menschen sich begegnen, dass sie einmal die „andere Seite“ kennenlernen, um diese zu verstehen, dass Freundschaften über Landesgrenzen hinweg wachsen – das ist die sicherste Garantie für ein gefestigtes Europa. Ein Europa, das von den Menschen getragen wird. Und meine Generation hat zu diesem Austausch alle Möglichkeiten, es ist an uns sie zu nutzen.

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