Wunderland

Headline wanted!

Spontaner Familienbesuch in Frankreich...
...Europa macht's möglich.
„Du vernachlässigst deine Sozialen Medien, meine Liebe.“

„Wo ist unser Grinsekätzchen?“

„Lebst du noch?!“

Leute, die tatsächlich meinen Blog lesen

Feststellung Nummer eins: Ja, ich habe wirklich lange Zeit nicht geschrieben. Aber zugleich hat mir dies gezeigt, dass es tatsächlich treue Seelen gibt, die sich für meine wirren Gedanken interessieren, was mich ungemein freut! Feststellung Nummer zwei: Meine Güte, ihr seid wirklich direkt. Wofür ich euch sehr schätze. Wofür ein lieber Freund uns jüngst als die „Deutschen Bulldozer“ bezeichnet hat. Und der ist dabei nicht mal Brite… Was sagt das über die Wahrnehmung Deutscher im Ausland aus?

Wie dem auch sei, es sind wirklich ein paar Wochen ins Land gezogen. Die Zeit, der Sommer in Paris, fliegt einfach so an mir vorbei. Heute ist der 17.08., ein weiterer Ausnahmezustand nach der Canicule für Paris: Nämlich ein Feiertag – und das mitten in der Sommerpause, in der die Stadt ohnehin menschenleer ist. Was heißt das also? Dass ich besser Hamsterkäufe gestartet hätte, bevor die kollektive Massenflucht aus der Stadt begann, bin ich nach zwei Monaten Frankreich endgültig und für alle Zeit für das Baguette von Franxprix verdorben und hat kein Bäcker weit und breit geöffnet… Welch eine glückliche Fügung, dass ich vor zwei Wochen das Vélib (das Pariser Fahrradverleihsystem) für mich entdeckt habe – Hunger ist ein Motivator, Herr Herzberg, und was für einer! Theresa Armstrong tritt mit (immer) knurrendem Magen in die Pedale.

Nachdem ich ein wenig Nahrung aufgetrieben habe, setze ich mich in mein Lieblingsbistro – das glücklicherweise geöffnet hat. Auch deshalb ist es mein Lieblingsbistro, vielleicht. Augenzwinkern mit dem besten Barkeeper der Welt, ein Saint Chinian kommt sofort, in Begleitung von gesalzenen Nüssen. Das ist zu Hause. Ich klappe meinen Laptop auf, schiebe eine Erdnuss (-> auf Französisch „cacahouette“! Bizarre.) in meinen Mund, nippe an meinem Wein und warte, dass die Muse mich küsst. Aber es läuft nicht so recht heute. Dabei liegen hinter mir pannenreiche, heiße und vor allem glückliche Wochen. Ich hatte eine tolle Zeit mit guten Freunden, habe Inspiration von Leuten erfahren, die Freunde geworden sind, und die mir darüber hinaus oftmals einen Denkanstoß gegeben haben – vielleicht nicht in die richtige Richtung, denn die gibt es, so glaube ich, nicht, aber in eine verdammt gute (meine ewige Dankbarkeit, lieber Ralf und lieber Julian). Es gäbe also eine ganze Menge zu berichten. Und genau hier liegt das Problem. Tagtäglich prasseln so viele Eindrücke auf mich ein. Und diese in eine klare Struktur zu fassen, wozu mich das Schreiben zwingt, wofür ich das Schreiben schätze, ist eine echte Herausforderung. Deshalb lege ich einfach mal los, und werde ein paar Dinge los, die mir durch den Kopf gehen – und hoffe, dass es nicht allzu wirr wird.

Während der letzten Wochen habe angefangen, mich zu hinterfragen, ehrlicher und tiefgründiger als zuvor. So wirklich begonnen in mir zu arbeiten hat es während der zweiten canicule, die Paris heimsuchte. Inmitten derer die Hochzeit meines Cousins und seiner Frau in Leiden, in den Niederlanden, fiel.

#throwback

Meine Reise beginnt Freitagnacht mitten im Juli, bei sage und schreibe 36°C. „ Paris wurde während der letzten Woche von der zweiten großen Hitzewelle des Sommers überrollt. Und es war wirklich eine harte Woche: Die Sommerpause hat noch nicht richtig begonnen. Die Pariser sind quasi gerade dabei, ihre Koffer zu packen, bevor sie die Stadt verlassen und sich gen Ferien aufmachen. Zugleich jedoch überrennen Touristen aus aller Welt die Stadt der Liebe, um einen Kuss unter dem Eifelturm zu erhaschen, um das Selfie ihres Lebens vor der Mona Lisa zu schießen, um ihr Liebes-Schloss an die Pont des Arts (oder seit hier die Gitter grund Schwere verschwunden sind, eine andere der unzähligen Brücken) zu klicken – sodass Paris sich im Ergebnis für alle Beteiligten einfach nur sehr voll anfühlt. Dies macht sich vor allem bei Nutzung des Öffentlichen Personennahverkehrs (Ach, Deutsch ist einfach eine so herrlich präzise Sprache!) bemerkbar. Wenn man die Treppen zur Metro hinuntersteigt und ein brennend heißer Wind unter den sonst luftig schwingenden Sommerrock weht, dieser aber an den verschwitzten Beinen kleben blei… Manchmal ist weniger mehr; genug der Wortmalerei. Jedenfalls: Bei 36° im Schatten, eingepfercht in einer Metro zwischen rucksackbepackten, mit der Spiegelreflexkamera bewaffneten Touristen, die mir die wenige, stickige Luft zum Atmen zu rauben scheinen, entwickle ich eine regelrechte Aversion gegenüber meinen schwer atmenden, schwitzenden Mitmenschen, und wollte ich wäre einfach möglichst weit weg von ihnen allen, von jedem unvermeidbaren Körperkontakt.

Auch die gut gemeinten Ratschläge der Regierung, die scheppernd durch die metallenen Lautsprecher der schummrigen Metrostation dröhnen, und die Fahrgäste daran erinnern, doch ausreichend Wasser zu trinken, wirken bei dieser unerträglichen Hitze wie die reinste Provokation, hat man, so wie ich, den ersten Liter Wasser bereits auf dem Weg hinuntergekippt und in kühner Unterschätzung der Gewalt der Hitze keinen zweiten Liter eingepackt. Diese Temperaturen zwingen mich in die Knie und bringen eine dünnhäutige, reizbare Seite an mir zum Vorschein, die lieber unentdeckt geblieben wäre. Der Pre-Coffee-Morgenmuffel ist der reinste Sonnenschein dagegen, eine echte Grinsekatze (Vorsicht, der kommt flach…). Also kommen mir die Niederlande, ein Tag am Meer, gerade gelegen.

#badmoodweather

Damit dieser Beitrag auch noch etwas Sinn bekommt, gehen wir weiter in die Tiefe, denn die Hochzeit hat mich ebenfalls zum Nachdenken angeregt. Über die Liebe. Wenn ich daran zurückdenke, als ich Laura, die Braut, das erste Mal sah, so denke ich auch automatisch an meine tolle Oma. An die goldene Hochzeit meiner beiden Großeltern, und wie mein Cousin mit Laura, die damals einen verdammt coolen, lila Pullover trug (Details, die ich niemals vergessen würde, kleine Hommage an meine liebe Älex), eintrat. Zehn Jahre später sind die beiden immer noch zusammen und stehen unglaublich verliebt in Holland am Strand, um sich das Ja-Wort zu geben. Die liebe Laura hat offensichtlich von lila zu roségold gewechselt, und so wird die ganze Hochzeit in rosé getaucht. Von der unglaublich liebevoll gestalteten Dekoration, bis hin zu den Details am Brautkleid, dem Anzug und natürlich den Ringen ist alles in rosé gehalten. Aber nicht nur optisch handelt es sich um eine echte Traumhochzeit mitten am Strand samt rauschender Wellen im Hintergrund. Auch ansonsten passt alles. Das Brautpaar scheint verliebt wie am ersten Tag. Die Blicke, die beide austauschen, die gegenseitigen Liebesbekundungen, ohne einen Hauch von Kitsch, rühren zu Tränen. Ehrliche Tränen, die stumm die Wangen hinabfließen, ohne dass man sie zurückhalten könnte. Das ist – ganz klar und für jeden Menschen mit einem Mindestmaß an Empathie sichtbar – wahre Liebe, die Höhen und Tiefen durchsteht, gute und schlechte Zeiten. Die Krisen überlebt, aber die selbst niemals in Frage steht. Laura und Marc haben diese Liebe gefunden und zwei so liebe Menschen so glücklich zu sehen, ist ein unglaublich schönes Gefühl. Zugleich bin ich überzeugter denn je, dass man sich nicht mit weniger als genau dem zufrieden geben sollte. Dass es sich lohnt, zu warten, bis man die Person findet, die genau dies in einem auslöst, die man genau so ansieht.

Weiterhin fange ich an, über meine Generation und unser Verhältnis zur Liebe nachzudenken. Über unsere heutige Zeit. In der Liebe über Apps wie Tinder und Co. propagiert wird und man sich vor „Auswahl“ kaum zu retten scheinen kann. Eine Zeit, in der Menschen wie Produkte mit dem Gütesiegel „Superlike“ versehen und andere als Mängelexemplare weggeswiped werden können. Praktisch, schnell, komfortabel – klingt eher nach Pizzalieferservice, als nach Datingapp; konsumieren geht über studieren. Ich möchte überhaupt nicht die Moralkeule schwingen, sondern viel mehr dazu aufrufen, über all die Möglichkeiten, die wir heutzutage als junge, weitestgehend wirtschaftlich unabhängige Menschen, die vermeintlich frei sind wie nie, haben, eines nicht zu vergessen: Dass wir es bei diesen „Produkten“ mit realen Menschen zu tun haben – und diese auch so behandeln sollten. Darüber hinaus: Wie frei wir unter dem Joch der sozialen Medien sind, sei dahin gestellt…

#likeforlike

Zugleich denke ich, bin ich unglaublich froh, unglaublich dankbar, Teil dieser Generation zu sein. Warum? Darüber denke ich während der acht Stunden im Flixbus auf dem Weg zur Hochzeit in den Niederlanden nach. Um Mitternacht, auf dem mittleren von drei Plätzen, weil ein alkoholisierter, schlafender, niederländischer Student es sich auf meinem reservierten Platz in der Ecke bequem gemacht hat. Auf dem es sich, seinem tief zufriedenen Schnarchen nach zu urteilen, sehr gut schlafen lässt – so wie ich es bei der Reservierung des Eckplatzes vermutet hatte – ICH HABE FÜR DIESEN PLATZ BEZAHLT, VERDAMMT NOCHMAL! Aber ich bin derart zufrieden, dass ich ihn sogar weiterschlafen lasse, ohne auf mein Recht zu beharren. Immerhin geht es nicht um den Eisernen Thron. Ich bin sogar derart zufrieden, dass ich ignoriere, dass sein Kopf immer wieder auf meine Schulter kippt, und mir seine Alkoholfahne entgegenweht, sodass ich ihn lediglich erneut stoisch beiseite schiebe. Ja, so zufrieden bin ich, so dankbar, in dieser verkorksten Generation, geboren zu sein; insbesondere auf diesem Fleckchen Erde. Denn wir, mein schnarchender Nachbar und ich, wir haben eines gemeinsam, wofür uns Millionen anderer junger Menschen beneiden: Wir sind Europäer. Europäerin zu sein, ermöglicht es mir, so einfach und unkompliziert ein Praktikum in einem anderen Land zu absolvieren und eine andere Kultur kennenzulernen. Europa ermöglicht es mir, mich trotz knapper Kasse nachts in einen Bus zu setzen, ungestört und ununterbrochen über Landesgrenzen zu fahren und am nächsten Morgen in einem anderen Staat aufzuwachen (so ich denn schlafen könnte). Europa, ermöglicht mir heute die Teilnahme an der Hochzeit meines Cousins  – das leistet Europa für mich ganz persönlich.

#weareeurope

Im Herzen Europas geboren zu sein, bedeutet die Möglichkeit, an einem Wochenende entlang der Seine unter dem Eifelturm zu spazieren, das Kollosseum zu besichtigen und eine Pizza quattro fromaggio zu verspeisen, oder aber Big Ben einen Besuch abzustatten, ohne dies Wochen im Voraus planen zu müssen. Unterschiedlichste Lebensweisen, Kulturen, sind einige wenige Klicks und Flug-/Zugmeilen entfernt! Und den Nachbarn kennenzulernen, bringt uns einander nicht nur näher, auch für die persönliche Entwicklung ist dies eine große Chance! Es ist unglaublich interessant, Gepflogenheiten der jeweiligen Länder kennenzulernen und kann zu einem regerechten Abenteuer werden: Beinahe wäre ich beim petit déjeuner mit dem Käsemesser erdolcht worden, als ich den Camembert in Streifen und nicht Dreiecke schneiden wollte! Ok, das war vielleicht ein wenig übertrieben, schriftstellerische Freiheit…. – aber das wäre doch eine elegante, französische Art zu sterben, n’est-ce pas? Reisen, das Eintauchen in eine andere Kultur erlaubt eine differenziertere Betrachtung des eigenen Lebens, der eigenen Lebensumstände… Es erweitert den Horizont und hat bei mir persönlich für eine tiefe innere Zufriedenheit gesorgt. Das ist natürlich kein Allzweckrezept, aber wohl doch einen Versuch wert, meint ihr nicht? Also auf ihr Lieben, wir sind jung und flexibel, packt eure Koffer und seid neugierig!

#notbettertobesafethansorry

Dass ich hier auf diesem Fleck Erde geboren bin, ist ein unglaubliches Privileg – das ich durch nichts verdient habe. Das mein größtes Glück ist – qua Geburt. Und wer bin ich, das Recht zu beanspruchen, anderen Menschen, die womöglich nicht dieses Geburtsglück hatten, die Teilhabe hieran zu verwehren?

Europa mag büroktratische Hürden bedeuten, aber gleichzeitig oder viel mehr baut es doch tatsächliche Hürden ab! Europa macht es Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Kulturen, so einfach, zusammenzukommen und einander kennenzulernen, ein Gespür füreinander, ein gegenseitiges Verständnis, zu entwickeln. Und ja, letztendlich stiftet Europa so auch Frieden, nämlich indem es Menschen verbindet. Und das kostet Ressourcen. Personal, Zeit, Geld. Aber der Mehrwert, den wir hierdurch gewinnen, ist nicht aufzuwiegen, hierüber muss ich nicht mal eine Sekunde nachdenken.

Was aber das Beste an Europa, am Reisen, am Leben überhaupt ist, sind die Menschen. Die Menschen die wir treffen, von denen wir lernen – und das tun wir mit jeder Begegnung. Die Menschen, die mit kleinen Gesten, mit faserarmen Mangos oder Zeichnungen, die Picasso den Atem stocken lassen, zu Helden des Alltages werden (liebe Ilse, lieber Sascha, made.my.day – ca m’a fait ma journée. Wirklich.) Die Menschen, die uns so schnell ans Herz wachsen und inspirieren, und die vielleicht mit ihren Taten oder bloßen Worten (und schwäbischen Weisheit) unser Leben verändern, ohne es zu bemerken. Wir müssen nur eine gewisse Offenheit besitzen, sie zu hören. Und ein gewisses Maß an Selbstreflexion. Ich glaube, um diese Begegnungen geht es im Leben, mindestens teilweise. Und sich persönlich weiterzuentwickeln, denn: „Viele kleine Leute in vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, können das Gesicht der Welt verändern.“

 

#hashtag

Was bleibt mir also zu sagen? Dass ich immer noch keine passende Überschrift gefunden habe! Es heißt, ein Artikel stehe und falle mit der Überschrift. Findet sich nicht von selbst eine passende Überschrift, kann man den Artikel praktisch vergessen. Also ihr Lieben, seid kreativ, haut in die Tasten und rettet meinen Artikel – ihr wolltet es so! Und es heißt doch: „Jeder Topf hat einen Deckel…“ außer du bist ein Wok. #nihao?

 

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Nicht wirr, sondern vielseitig 🧐
    Dankbar für unsere Lebensumstände sollten wir Europäer wirklich sein … und wenn wir vielen kleinen Leute in vielen kleinen Dingen auch etwas TUN oder manchmal auch LASSEN, um unserer Umwelt und dem Klima (auch dem sozialen Klima!) nicht noch mehr zu schaden, kann sich alles zum Guten wenden 🍀
    Als rettende Überschrift fällt mir spontan „Food for body and soul“ ein 😉 🐾

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